Mitarbeiter in die Digitalisierung mitnehmen: Ein Erfahrungsbericht

Mitarbeiter in die Digitalisierung mitnehmen: Ein Erfahrungsbericht

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Wie im letzten Beitrag angekündigt, berichte ich heute über unsere Erfahrungen mit dem Thema „Die Mitarbeiter in die Digitalisierung mitnehmen“.

Auch wenn wir alle es unseren Mitarbeitern oft nicht so direkt sagen wissen wir doch, dass sie unser höchstes Gut sind.

Aber wird das auch so bleiben? Zwar war in den Jahren bis 2015 stets vom Fachkräftemangel – den wir auch nach wie vor spüren und haben – die Rede.

Aber vor dem Hintergrund der Digitalisierung scheint alles anders: Forciert durch Studien wie jener der Oxford-Professoren Frey und Osborne meinen viele Ökonomen und Zukunftsforscher, dass unglaublich viele Jobs wegfallen werden – und das auch in unserem Bereich.

Und auch mir fallen auf Anhieb viele Tätigkeiten ein, die uns „die Technik“ komplett abnehmen kann: Sei es, dass die Zeiterfassung automatisch mitschreibt und erkennt, was man gerade macht. Oder dass ein Buchführungsautomat alle digital eingegangenen Rechnungen automatisch verbucht. Oder Lohnabrechnungen, bei denen die Stundenzettel komplett digital weiterverarbeitet werden…..

Was macht man also als bayerische Steuerberatungskanzlei mit über 40 Mitarbeitern, um auszuloten, welche einschneidenden Änderungen auf die Kanzlei und ihre Mitarbeiter angesichts dieser Aussichten zukommen?

Die Idee: Ein Hütten-Wochenende

Ganz einfach, dachten wir vor einem Jahr: Man geht mit allen übers Wochenende auf eine Hütte!

Gesagt, getan: Anreise am Donnerstagabend in die Lam in ein schönes Berghotel.

Am nächsten Tag ließen wir dann bei unseren Mitarbeitern mit diesen Aussagen die „Bombe“ platzen:

  • Der FiBu-Automat: wird kommen
  • Lohnabrechnungen: werden bald automatisiert erstellt
  • Jahresabschlussbuchungen: werden automatisiert vorgeschlagen und gebucht
  • Auch wenn wir nicht wissen wann und wie es genau aussieht: aber all das wird auf uns zukommen!
  • ALSO: Unser und Euer Job ist nicht mehr so sicher, wie wir das bisher meinten.

Das war natürlich im ersten Moment für alle ein gewisser Schock: Es war mucksmäuschenstill, man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

Aber dann haben wir die Punkte diskutiert, Szenarien dargestellt und ein Brainstorming gemacht, welche Aufgaben wir für die Mandanten noch erledigen können, wenn das alles so kommt.

Aber bei den entscheidenden Fragen „WER kann das heute schon beraten? WER traut sich sowas bei einem Mandanten vor Ort umsetzen?“ reduzierten sich die Anzahl dieser Mitarbeiter je nach Thema teilweise auf 2 – während die Höchstzahl pro Thema bei 16 lag!

Trotzdem schienen die Besprechung und die Diskussion aus unserer Sicht sehr konstruktiv und fruchtbar. Und wir hofften, dass „ein Ruck“ durch alle geht, eine Aufbruchstimmung entsteht, die für Motivation sorgt und ein hervorragendes Lernumfeld schafft.

Die Zeit danach….

Aber dann flatterte plötzlich eine Kündigung nach der anderen ins Haus:

Unser Jurist – ein begnadeter Organist – entschied sich, von nun an professionell Orgel zu spielen. Eine langjährige Mitarbeiterin übernahm die Buchhaltung im Unternehmen ihres Nachbarn. Weitere vier wechselten in die Industrie. Und dort teilweise in die Rechnungsprüfung, die aus meiner Sicht eine der ersten Bereiche sein wird, die durch die Digitalisierung wegfällt!

Aktuelle Situation und Ausblick

Heute haben wir wieder „Neuzugänge“ und beschreiten den von uns eingeschlagenen Weg konsequent weiter. Wir haben auch schon wieder ein paar Schritte gemacht und ich denke, dass auch keine Angst um den Arbeitsplatz besteht – und auch nicht bestehen muss.

Denn es wird – so meine Ansicht – wie in der Vergangenheit wieder dazu kommen, dass die technischen Neuerungen unter dem Strich wieder anders gelagerte Aufgabengebiete und Arbeitsplätze entstehen lassen.

So sehe ich zum Beispiel nicht, dass wir in der Zukunft weniger Beratungsbedarf hätten:

Die Finanzverwaltung als „Ideengeber“ sorgt permanent für neue Beratungsfelder und auch das Leben selbst ist diffiziler geworden.

Und neue Lebensgestaltungen wie die immer mehr zum Alltag gehörenden Patchwork-Familien führen zu unzähligen Gestaltungsvarianten für das Betriebs- oder Privatvermögen.

Natürlich werden – nach meiner Einschätzung – strukturierte Informationen immer mehr automatisiert verarbeitet werden. Denn das ist einfach schneller und effizienter.

Da sich aber unsere Informationen und unser Wissen in immer kürzeren Zeitabständen verdoppelt, werden wir zwangsläufig immer mehr mit unstrukturiertem, individuellem Wissen arbeiten müssen. Wir werden das Wissen managen müssen!

Mein Fazit

Rückblickend würde ich den Weg, die Mitarbeiter über grundlegende Änderungen in einer gemeinsamen Veranstaltung zu informieren und hierüber zu diskutieren, immer wieder wählen. Ich halte die frühzeitige Einbindung für unbedingt notwendig und geboten.

Dabei würde ich aber zum einen darauf achten, die Botschaften leichter verdaulich zu überbringen und die Mitarbeiter nicht zu hart mit der Realität zu konfrontieren.

Zum anderen würde ich mich von vorneherein nicht der Illusion hingeben, dass alle sofort mit anpacken und an einem Strang ziehen: Dass sich einige Mitarbeiter auch für einen anderen Weg entscheiden, ist wahrscheinlich völlig normal.

Hier gilt halt aber auch der alte Spruch: gehe mit der Zeit, sonst gehst du mit der Zeit.

Wichtig ist vor allem, den Veränderungsbereiten und Engagierten eine Perspektive aufzuzeigen, die für sie realistisch ist und einen positiven Ausblick bietet.

Denn wir werden auch weiterhin Mitarbeiter brauchen! Ein Szenario, dass in 10 Jahren große Teile der Arbeitnehmer unserer Branche arbeitslos werden, sehe ich nicht auf uns zukommen.


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